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Lebensmittelpunkt auf 2108 Meter über Meer

Wer träumt zwischendurch nicht davon? Einfach mal raus aus dem Alltag, um in der Bergwelt die Seele baumeln zu lassen. Der Lebensmittelpunkt von Elfriede Beck ist genau einer dieser Traumplätze. Seit vielen Jahren zieht es sie von Juni bis Oktober hinauf auf die Pfälzerhütte. Dies aber nicht etwa, um dem süssen Nichtstun zu frönen. Im Gegenteil. Als Hüttenwirtin kümmert sie sich tagtäglich von frühmorgens bis spätabends um ihre Gäste.

Der Arbeit wegen kam Elfriede als sechzehnjähriges Mädchen aus dem Südtirol nach Triesenberg. Im Café Sele lernte sie, den ihr fremden Dialekt zu verstehen. Spricht man heute mit Elfriede, könnte sie glatt als Triesenbergerin durchgehen. Während dem Gespräch, das wir im Garten ihres Hauses in Triesenberg führen, kommt eine Südtiroler Freundin vorbei. Ohne nachzudenken wechselt Elfriede im Dialog mit ihr in astreines Südtirolerisch.

Mittlerweile ist Triesenberg seit über 35 Jahren Elfriedes Heimat, hier hat sie geheiratet und zwei Kinder grossgezogen. Aufgewachsen ist sie im Vinschgau, genauer gesagt auf einem Hof im Matschertal auf. Was es bedeutet, mitanzupacken und viel zu arbeiten lernte sie bereits als kleines Mädchen. Der Vater starb früh, Elfriede und die sechs Geschwister unterstützten ihre Mutter bei den Arbeiten rund um den Hof. Auch Kochen gehörte dazu – wenn die anderen aufs Feld gingen, bereitete sie gemeinsam mit ihrer Tante das Mittagessen für die hungrigen Arbeiter vor. Gleich nach der Schule wechselte sie ins Gastgewerbe: zunächst war Elfriede Angestellte im Café Sele, später Kellnerin in Splügen, dann langjährige Wirtin in der Schneeflucht und heute verwöhnt die Gastgeberin der Pfälzerhütte noch immer jeden, der es bis zu ihr hinauf schafft. Wenn die Wirtschaft voll ist, koordiniert Elfriede den Betrieb für ungefähr 80 Gäste. Wie sie das meistert? Ganz einfach, lacht sie: «Äns ischt zwar schtressig, aber de gfallts mr».

Du kamst von Matsch nach Triesenberg, hattest du einen Kulturschock?
Nein, warum auch? Aber ich habe zu Beginn kein Wort verstanden. Wenn jemand im Café Sele ein «Büürli» verlangte, wusste ich nicht, was es war (lacht).

Heute sprichst du fliessend Bärgerisch, war dir das wichtig?
In meinem damals jugendlichen Alter war es natürlich, den Dialekt zu lernen.

Café Sele war deine erste Station am Bärg, wie kamst du auf die Pfälzerhütte?
1982 arbeite ich erstmals als Angestellte auf der Pfälzerhütte. Dann kamen unsere Kinder Silke und Claudio auf die Welt, ich machte einen Unterbruch. In der Saison 1989/90 begann ich in der Schneeflucht, die ich bis 2011 führte. Parallel half ich jeweils im Sommer als Ferienablösung auf der Pfälzerhütte aus. Im Jahr 2002 habe ich die Pfälzerhütte von der Familie Beck übernommen.

Seit über 30 Jahren hast du eine Verbindung zu dieser Hütte. Was macht sie so besonders?
Es ist mein Lebensmittelpunkt – ich bin einfach gerne da oben.

Schlägt dein Herz auch heute noch höher, wenn du auf der Pfälzerhütte bist?
Wenn ich zu Beginn der Saison übers Eck komme und die Hütte sehe denke ich: «wunderbar, nu no schöö». Es ist dann so, als ob ich immer oben wäre.

Was ist dir persönlich wichtig bei der Arbeit?
Was zählt ist, dass die Mitarbeiter zufrieden sind und die Gäste nach dem Einkehrschwung oder der Übernachtung bei uns wieder glücklich weiter wandern.

Du bist bekannt für Wienerschnitzel und feinen Apfelstrudel. Welche Spezialität gibt es sonst?
(Lacht) In der Schneeflucht habe ich tatsächlich unzählige Schnitzel und Pommes gemacht, das war schon fast zu viel des Guten für diese kleine Küche. Auf der Pfälzerhütte backen wir das Brot selbst und die Bergsteiger-Pfanne ist auch sehr beliebt. «Schnipo» gibt es nicht.

Wie kommt die Ware zu dir?
Ich bestelle möglichst alles vor der Saison, die frischen Sachen laufend per Funktelefon. Leider haben wir nicht ausreichend Platz in der Hütte, deshalb gibt es ein Zwischendepot. Karl fährt fast täglich runter und bringt alles mit dem Büssli wieder hoch. Wenn es die Strasse nicht zulässt, brachte unsere Ware auch schon der Helikopter.

Fehlt nie etwas?
Nein, es klappt wirklich gut. Wir sind gut organisiert und ich habe das Lager im Kopf.

Wie wichtig sind die Berge für dich?
Wichtig. Unsere Landschaft ist atemberaubend. Ein Abendrot auf der Pfälzerhütte vergisst man nicht so schnell.

Könntest du in einer Stadt wohnen?
Können schon, aber ich brauche es nicht unbedingt. Ich denke, eine solche Umstellung wäre für viele vom Menschen vom Land eine extreme Umstellung. Aber wenn man müsste, ginge es schon.

Bist du beim Alpenverein, dem Besitzer der Hütte angestellt oder arbeitest du auf eigene Rechnung?
Ich bin die Pächterin, bezahle Zins und trage das Risiko selbst.

Was ist der Unterschied zwischen einem Hüttenwart und einer Hüttenwirtin?
Der Hüttenwart ist dafür zuständig, dass sie gut im Stand ist, das alles funktioniert. Er ist der Vermieter und ich als Wirtin bin die Mieterin.

Aber für die Betten und die Zimmer bist du auch zuständig?
Natürlich, ich habe ja die ganze Hütte gepachtet. Wir können im Restaurant bis zu 80 Personen bewirtschaften und haben während einer Saison gegen 2000 Übernachtungen.

Wie gross ist dein Team?
Neben mir sind es mein Mann Karl und drei Angestellte.

Wie gehst du mit dem Stress um?
(Überlegt). Kenne ich das überhaupt? Nein im Ernst, als wir letztes Jahr so viele kurzfristige Stornierungen auf einmal erhielten, hatte ich beinahe einen Herzinfarkt. Aber die Arbeit macht einen nicht kaputt. Es sind ganz andere Sachen, die einen Menschen kaputt machen können.

Ein Brauch besagt: «Oberhalb von 2000 Metern gibt es kein Sie mehr», bis du auch mit allen per du?
Die Regel stimmt zwar, aber hie und da sieze ich Leute einfach automatisch, da rutscht nicht das Du, sondern das Sie raus.

Hast du viele Stammgäste?
Ja, das ist schön. Es gibt Liechtensteiner, die bis zu 50-mal in der Saison bei uns oben vorbeischauen.

Und woher kommen die meisten?
Wir haben viele deutsche Gäste, die Hütte ist bei den Wanderern, welche von Hütte zu Hütte gehen, durchaus bekannt. Auch Fahrradfahrer finden den Weg zu uns. Einige fahren weiter bis zum Comersee, sagen sie.

Welche «exotischen» Nationen hast du schon verköstigt?
Da muss ich spontan an den internationalen Abend mit über 15 Nationen denken. Es waren Menschen verschiedener Kulturen und Religionen aus der ganzen Welt bei uns. Für mich als Köchin eine Herausforderung, denn die assen kein Schweinefleisch, andere waren Vegetarier, durften keinen Alkohol trinken und so weiter. Der Abend ist mir in bester Erinnerung, es war sehr lustig.

Trifft man auf 2108 Meter über Meer auch sogenannte VIPs?
Wir versuchen, alle gleich zu behandeln. Ich will nicht wissen, was die Gäste im Tal unten machen, ich freue mich über jeden Besucher und behandle alle möglichst gleich.

Über welche Fragen musst du am meisten Schmunzeln?
Das Wetter ist ein grosses Thema. Es wird gefragt, wann genau die Sonne auf- und untergeht, wann der Regen denn nun aufhört und so weiter. Leider bin ich keine Wettergöttin, und auch ich muss es so hinnehmen, wie es eben ist.

Finden alle, die sich anmelden die Hütte?
Meist ja. (Lacht). Aber einmal rief mich mein Sohn Claudio an, eine Gruppe stand mit Koffern und Stöckelschuhen vor unserem Privathaus am Bärg und fragte nach ihrer gebuchten Unterkunft ...… Sie buchten aufgrund des tiefen Preises. Wir holten sie ab. Als sie hier waren erkundigten sie sich nach einer Busrundfahrt durchs Land. Das erlebt man nicht alle Tage. Man könnte in Wirklichkeit Bücher Bücher darüber schreiben, über was man alles erlebt da oben.

Hast du ein Beispiel?
Eines Morgens, als ich in die Küche kam, stank es fürchterlich. Ich dachte, etwas mit dem Abfall sei nicht in Ordnung. Dann öffnete ich den Schieber zum Restaurantbereich und traute meinen Augen kaum. Knapp 20 Personen lagen kreuz und quer auf den Bänken. Sie müssen mitten in der Nacht hineingekommen sein, es regnete und sie waren durchnässt. Ich hatte einen Schock.

Wieso ist die Hütte nachts nicht geschlossen?
Es ist eine Schutzhütte, der Eintritt ist immer gewährleistet.

Hast du einen Rückzugsort?
Kaum. Jeder Tag ist anders. Ich bin morgens die Erste und abends die Letzte. 15- bis 16-Stunden-Ttage gehören dazu. Mein kleines Zimmer hat ein Tisch für die Büroarbeiten. Sich richtig zu erholen während die Saison in vollem Gange ist, ist schwer.

Was genau macht man in einer Schlechtwetter-Periode?
Dann hat das Personal etwas länger frei und kann sich im Tal erholen. Es kam schon vor, dass ich 14 Tage alleine oben war, ohne ein anderes Gesicht zu sehen, das ist ziemlich komisch.

Wanderst du selbst zwischendurch?
Sehr selten. Wenn möglich, versuche ich zumindest einmal im Jahr auf den Naafkopf zu kommen, aber jedes Jahr schaffe ich es nicht. Weil letztes Jahr oft schlechtes Wetter war, konnte ich die Steinböcke dort oben beobachten. Das sind schöne Momente, die geniesse ich.

Was sind schwierige Momente?
Wenn es Spannungen im Team gibt, ist das ungut. Auch die Unfälle von lieben Gästen, die in den Bergen starben, kommen mir in ruhigen Momenten in den Sinn. Das vergisst man nicht.

Trifft man dich während der Saison auch gelegentlichmal im Tal?
Nein, wenn es nicht sein muss, nicht.

Was hat sich seit den Anfängen verändert?
Die Ansprüche. Es gibt Menschen, dür die erwarten allerlei Annehmlichkeiten als selbstverständlich gelten.

Wie meinst du das?
Was möglich ist, machen wir gerne möglich. Zwischendurch muss man die Wünsche aber auch einmal bremsen, denn es ist nun mal eine Hütte und kein Palast.

Was machst du, wenn du nicht arbeitest?
Ab und zu ein Abstecher ins Ausland ist schön. Vergangenes Jahr war ich in Jerusalem und Betlehem, jetzt gerade ein paar Tage in Toronto. Aber wenn ich nicht arbeite, wird mir schnell langweilig, ich finde immer etwas zu tun.

Was wünschst du dir für dich persönlich?
Es kommt auf dich selbst an, mit was du zufrieden bist. Gewisse Leute sind nie zufrieden und kritisieren vieles. Aber ich schaue da auf mich. Wenn ich zweimal im Jahr ins Südtirol kann, dann bin ich zufrieden.

Interview: Isabel Fehr / Dieser Artikel ist im Dorfspiegel Triesenberg 2015 erschienen